← Lesen

Daniel Schreiber : Nüchtern | Zeit der Verluste | Liebe! Ein Aufruf

2014 | 2023 | 2025

Daniel Schreiber ist seit etlichen Jahren ein viel gelesener und viel besprochener Autor und Kolumnist. Besonders den literarischen Essay hat er zu neuer Blüte gebracht hat.

Essay heißt wörtlich: Versuch. Und so sind auch Schreibers Texte. Meist geht er erzählend von biografischen Ankerpunkten aus, profitiert von seiner schier unerschöpflichen Literaturkenntnis und „erwandert“ sich sein Thema scheinbar assoziativ und in schöner Gemächlichkeit.

In „Die Zeit der Verluste“ (ersch. 2023) geht es um das Thema Abschied, Tod und Trauer, und, weiter ausgreifend, um den Verlust scheinbar unumstößlicher Gewissheiten.

Dieser Essay spiegelt einen Studienaufenthalt in Venedig. Hier wird der literarische Flaneur Daniel Schreiber ganz konkret zum Spaziergänger. Er erkundet die nebelverhangene Stadt und macht sich schließlich per Vaporetto auf zur Friedhofsinsel San Michele, der venezianischen Toteninsel.

Ausgehend vom Tod seines Vaters lässt Daniel Schreiber familiäre Erinnerungen lebendig werden und zitiert unterschiedlichste kulturpolitische Betrachtungen, die sich mit Verlust und Trauer beschäftigen. Dabei werden seine Gedanken häufig vom konkreten Erleben des novemberlichen Venedig inspiriert.

Geradezu augenöffnend ist Schreibers Essay „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“ (2014), wo er in unverstellter Offenheit über seine Abkehr vom Alkohol erzählt. Auch bei diesem Thema aus seinem profunden Hintergrundwissen schöpfend, berichtet er von medizinischen und psychologischen Mechanismen, die eine Alkoholkrankheit kennzeichnen. Und er entlarvt – ganz ohne moralischen Zeigefinger – die Selbsttäuschung, mit der Menschen sich mitunter ihren Alkoholkonsum schönreden. Ebenso zeigt er, dass Alkohol v.a. in Deutschland nicht nur leicht verfügbar, sondern auch der Konsum gesellschaftlich absolut akzeptiert ist, was zur Folge hat, dass „Alkoholprobleme auch auf einer kollektiven Ebene großflächig verleugnet [werden], und in Deutschland tatsächlich noch mehr als anderswo.“

Ein großes Anliegen ist für Schreiber offenbar sein jüngster Essay „Liebe! Ein Aufruf“ (2025). Es geht ihm darum, Liebe als politische Kraft zu etablieren. Liebe nicht im romantischen Sinn, sondern im Sinne von Nächstenliebe, Solidarität, Achtung der Menschenwürde, Anstand im Umgang miteinander. Als Gewährsleute für die Wirkmacht von Liebe im sozialen Miteinander werden unter anderen Hannah Arendt, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Erich Fromm herangezogen. Sie waren Intellektuelle, die das Thema theoretisch zu durchdringen suchten, und/oder politisch Handelnde, die für umwälzende Veränderungen stehen.

Schreiber betont aber auch, dass jeder kleine, individuelle Beitrag zu einem humanen Miteinander Folgen für das große Ganze hat, ja, dass genau dieser alltägliche menschenfreundliche Umgang miteinander unverzichtbar ist, wenn Gesellschaft funktionieren soll. „Liebe, Empathie und Zuversicht kommen meist leise daher. Sie eignen sich nicht zum Aufschrei. Es braucht länger, sie stark zu machen.“

Für mich geht ein eigentümlicher Sog von Daniel Schreibers Texten aus. Sein eleganter Stil, die klugen assoziativen Verbindungen und die Vornehmheit, mit der er Persönliches und Themen von allgemein-menschlicher Relevanz verknüpft, machen ihn m.E. zu einem der anregendsten Sachbuch-Autoren der letzten Jahre.

Daniel Schreiber:
Nüchtern. Über das Trinken und das Glück. Hanser Berlin 2014. 160 Seiten.
Die Zeit der Verluste. Hanser Berlin 2023. 144 Seiten.
Liebe! Ein Aufruf. Hanser Berlin 2025. 160 Seiten.

Besprechung vom Dezember 2025