Elif Shafak : Am Himmel die Flüsse
2024
Die türkisch-britische Schriftstellerin Elif Shafak spannt in ihrem jüngsten Roman einen kühnen Bogen über Jahrtausende. Das Wasser in seinen unterschiedlichen Aggregatzuständen ist nicht nur immer wiederkehrendes Leitmotiv, sondern es verbindet drei Erzählstränge und die Schicksale der drei Hauptpersonen, als da sind: der genialische Sonderling Arthur Smyth im viktorianischen London, das ezidische Mädchen Narin am Tigris 2014 und die Hydrologin Zaleekhah, die auf einem Hausboot auf der Themse des Jahres 2018 lebt. Über allem schwebt, als weiteres verbindendes Element, das Gilgamesch-Epos und die abenteuerliche Geschichte seiner Entdeckung.
Das ist großartig erzählt und bei aller Detailverliebtheit verliert man nie den Überblick. Shafak verfügt über eine sinnliche, bildmächtige Sprache und einen sensiblen Blick für die auf je eigene Weise verletzten Protagonist:innen. Besonders in den Kapiteln über Narin, ihre Großmutter und andere weise Frauen ihrer Ahnenreihe erfährt man viel Interessantes über das Volk und die Kultur der Eziden („Jesiden“), über die genozidale Verfolgung, der dieses Volk immer wieder ausgesetzt war, nicht zuletzt im Jahr 2014 vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Diese Abschnitte gehen besonders unter die Haut.
Zwar ist die Verflechtung von Mythos, Menschheitsgeschichte und moderner Wissenschaft im Roman eindrucksvoll, allerdings wirkt manch „zufällige“ Verbindung etwas über-konstruiert.
Die quasi „referierenden“ Passagen – Exkurse über Hydrologie, Keilschrift oder den Schwarzhandel mit geraubten Kulturgütern – sind organisch eingefügt und inhaltlich hochinteressant, dennoch bremsen ein wenig den erzählerischen Fluss. Aber man bewundert die immense Recherche-Arbeit der Autorin, die große sachliche Expertise, die das Romangeschehen grundiert.
Insgesamt ein kluger, mitfühlend und fesselnd geschriebener Roman, dessen Stärken die Schwächen klar überwiegen. Sehr lesenswert!
Elif Shafak: Am Himmel die Flüsse. Roman. (Übs. a.d. Englischen von Michaela Grabinger)
Carl Hanser Verlag München 2024
Besprechung von 06/2025
