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Elizabeth Strout : Am Meer

2024

Lucy Barton ist Hauptperson in mittlerweile fünf Romanen der Autorin Elizabeth Strout, die seit dem Jahr 2016 in den USA erschienen sind, vier davon bisher auf deutsch.

„Am Meer“ spielt in der Zeit der Corona-Pandemie. Im Original erschienen 2022, ist es synchron zu den besonderen Lebensumständen mit all den Einschränkungen entstanden, die damals herrschten. Für eine Autorin wie Strout, die wenig äußere Dramatik braucht, um eindrücklich von ihren Figuren zu erzählen, ist so eine Ausnahme-Situation wie die Pandemie geradezu eine Steilvorlage. Man hätte den vorübergehenden Stillstand der Welt als Hintergrund nicht besser erfinden können.

So ist „Am Meer“ ein sehr leises Buch von dennoch großer Intensität. Lucy, der die Dramatik der Situation in New York überhaupt nicht klar ist, wird von ihrem Ex-Mann William gedrängt, ihn in ein Haus an der Küste von Maine zu begleiten. Mit weit ausgreifenden Spaziergängen, mit Gedanken und Gesprächen verbringen sie die Tage. Da man nicht weiß, wie lange dieser seltsame Schwebezustand anhalten wird, ist es unmöglich, diese Zeit als Urlaub anzusehen und einfach zu genießen. Kontakte außerhalb ihrer Zweisamkeit sind spärlich.

Lucy spürt eine andauernde Anspannung und Unruhe. Zudem macht sie sich Sorgen um ihre beiden verheirateten Töchter – zu Recht, wie sich herausstellen wird – und vermisst das reale Zusammentreffen mit ihnen. Die Mutter-Tochter- Thematik ist ein immer wiederkehrendes Motiv in der Lucy-Barton-„Serie“ – hier kommt Elisabeth Strout ihr großes psychologisches Einfühlungsvermögen zugute, wie auch ihre Fähigkeit, innere Vorgänge mit wenigen Worten eindrucksvoll nachzuzeichnen.

„Du bist ein Geistwesen, Lucy.“ sagt ihr Ex-Mann William einmal zu ihr. „Du weißt Dinge, die wir anderen nicht wissen.“ Lucy, hypersensibel, kann sich vollkommen in andere Menschen hineinversetzen und hat Freude daran. Daraus bezieht sie auch ihre Energie und ihre Ideen als Schriftstellerin.

Und daraus bezieht der Roman seine untergründige Spannung. Welche Verbindungen entstehen? Welche halten? Wo kommt eine schwelende Krise zum Ausbruch?

So zeigt der Roman „Am Meer“ mit seinen scheinbar zufälligen Begegnungen und der reduzierten Handlung ein atmosphärisch dichtes Tableau unterschiedlicher Charaktere in Zeiten von Corona.

Elizabeth Strout: Am Meer. Roman. Luchterhand Literaturverlag München 2024. 284 Seiten.

Besprechung vom Nov. 2025